Meine Lieblingsagglo (2)

Für die meditative Rubrik «Innehaltestelle» begibt sich unser Gastautor an eine Bus- oder Tramstation, hört zu oder weg, schaut hin oder her, denkt nach oder vor – und danach geht er wieder heim und schreibt das Erlebte oder Nicht-Erlebte auf. Diesmal stand er für einmal nicht an einer Station, sondern durchschlenderte das Zentrum von Schlieren, wo irgendwie grad ein bisschen die Zukunft entsteht – was ihn nicht davon abhielt, die meiste Zeit in der Vergangenheit zu wühlen. Dies ist Teil 2, der erste erschien am letzten Donnerstag.

Dienstag, 25. Juni, 11.19 Uhr. Bus- und Tramstation «Bahnhof/Zentrum Schlieren»

Wo war ich? Ah, genau stimmt – am Ende eines Rückblicks auf unvergessliche Jugend- und Teenagermomente in Schlieren, die mich tatsächlich zur verwegenen Aussage verleiteten, diese Vorortsstadt im Limmattal als «Lieblingsagglo» zu bezeichnen. Eine Lieblingsagglo, auch das eine Art Geständnis, die ich in den letzten 30 Jahren kaum je besucht hatte, weil es dafür meiner Meinung nach keinen Anlass gegeben hätte. Dass es nun aber sehr wohl einen gebe, oder, präziser, sogar deren zwei, liegt einerseits an meiner Rolle als temporärer Sonderkorrespondent beziehungsweise Innehaltenstellen-Kolumnist der VBZ. Andererseits an der Lancierung der Limmattalbahn, welche die Tramlinie 2 ab Anfang September 2019 vorderhand vom Farbhof in Altstetten bis zur Station «Geissweid» in Schlieren verlängert (bis ins Jahr 2022 soll dann die Gesamtstrecke der Limmattalbahn befahrbar sein, vom Bahnhof Altstetten bis zur Endhaltestelle «Killwangen», 27 Stopps, verteilt auf 13,4 Kilometer, ein kleines Mammutprojekt).

Blöderweise, es war bereits im ersten Teil dieser Geschichte erwähnt, hatte ich mein Wiedersehen mit Schlieren schlecht geplant. Ich hatte den Termin nämlich auf den 25. Juni gelegt (im Teil 1 stand anfänglich fälschlicherweise 4. Juni, ein glücklicherweise nicht allzu gravierender Kollateralschaden meines Hitzestaus) – dieser Dienstag wurde, was ich beim Planen natürlich nicht wissen konnte, zum ersten unausstehlich heissen Tag in diesem Jahr. Temperatur: 33,7 Grad Celsius (real). Luftfeuchtigkeit: 180 Prozent (gefühlt).

Der Asphalt dampft... ah nein, es ist ein erfrischender Springbrunnen.

Das hatte Folgen. Die erste war, dass ich am späteren Vormittag im Schatten der mit «Provisorische Haltestelle Hardplatz Hauptbahnhof Kienastenwies» angeschriebenen Station der Buslinie 31 im Zentrum von Schlieren stand – und mit unscharfem Blick (ich hatte die korrigierte Sonnenbrille zuhause liegen lassen) meinte, der Boden vor mir sei etwa 1000 Grad heiss und würde glatt seinen Teer verdampfen. Bis ich dann sah, dass ein Bub barfuss mitten durch diesen vermeintlich heissen Dampf hindurchtänzelte – und bei näherer Betrachtung beruhigt feststellte, dass es sich ja bloss um ein modernes Wasserspiel handelte, das sich als verflüchtigender Kontrast zur ebenfalls modernen, jedoch massiven, eckig-klotzigen Architektur der Haltestelle ganz gut machte.

Normalerweise kann ich «Pralinato»

Diese Sinnestäuschung wirkte eigenartig motivierend, und ich fasste spontan einen Entschluss: Das Zuschauen-Entspannen-Nachdenken, das ich (als quasi-esoterisches, westliches Zen) an den Haltestellen normalerweise zu tun pflegte, würde ich diesmal bleiben lassen – und stattdessen im Sinne einer speziellen Dienstleistung für die werte Kundschaft der VBZ einen Rundgang durch die Highlights von Schlieren Downtwon unternehmen!

Ich war derart begeistert von dieser Idee, dass ich mir zur Belohnung an einem nahegelegenen Kiosk ein «Pralinato»-Glacé gönnte. Die mag ich deshalb, weil man – wenn man es kann – erst vorsichtig die Praliné-artige Aussenmasse abknabbert, um sich Bisschen für Bisschen zum Kern der Köstlichkeit in Form des kühlen Schoggibranchli vorzuarbeiten, das sich wie eine lüsterne süsse Belohnung an den Plastikstengel krallt.

Ja, und normalerweise kann ich das. Doch dieser Tag war eben nicht normal, sondern genauso urbanheiss wie die Tage im grossartigen Spike-Lee-Film «Do the right thing» von 1989 (dem man, dies nur nebenbei, seine 30 Jahre überhaupt nicht ansieht) – weshalb ich zwar das eigenartige Gefühl hatte, mich an der Luft, die stand wie eine Wand, anlehnen zu können, jedoch am «Pralinato» scheiterte: als ich die Belohnung beinahe fast vollständig freigeknabbert hatte, fiel sie runter wie ein ungesicherter Bergsteiger und starb (beziehungsweise: schmolz) binnen Sekunden mitten auf der Engstringerstrasse, wo sich diese als Brücke über die Gleise des Bahnhofs Schlieren erhebt.

Auf dieser Brücke beim Bahnhof Schlieren kam es zu einem tragischen Ende einer Pralinato-Glacé.

Für eine Schweigeminute war es einfach zu heiss, also ging ich weiter auf meinem Weg zum «Vitis» Racket-Center. Wer bereits Teil 1 gelesen hat, wird verstehen, dass dieser Besuch Pflicht ist. Und eigentlich hätte ich das gern im Beisein der einen Portalfigur meines Lebens (aka: meinem Dad) gemacht, er wie früher in einem Fila-Leibchen (weil er Fan der schwedischen Legende Björn Borg war), ich im FCZ-Trikot (das auf Tennisplätzen eigentlich nichts verloren hatte), doch er ist generell nicht mehr allzu gut zu Fuss, ich hatte das, was fast jeder unbewegliche Bürogummi früher oder später hat, nämlich einen verspannten Rücken, also stand ich dann halt allein da draussen und nahm Abschied.

Ja, tatsächlich hat die «Limmattaler Zeitung» 2013 geschrieben, die bekannte Halle werde wohl 2020 abgerissen, um Wohnungen Platz zu machen. Und ob ich bis dahin noch in der Lage sein werde, hier mein Racket zu schwingen? Ich liess vor meinem inneren Auge nochmals die schönsten Punkte Revue passieren, die ich gegen meinen alten Herrn gewonnen hatte, sagte leise Adieu und schlenderte zur Bahnhofsunterführung (aufmerksame Leserinnen und Leser werden nun fragen: Und was ist mit Sony? Wieso gibts mit diesem «Erinnerungsort» kein Wiedersehen? Nun, die Antwort ist ganz banal: Ich habe inzwischen meine DJ-Kopfhörermarke gewechselt und arbeite nun mit einem Produkt der Marke Sennheiser).

Man muss die Highlights suchen gehen

In der Bahnhofsunterführung hätte ich am liebsten ein Nickerchen gemacht, so angenehm kühl wie es da war. Doch das lag nicht drin, ich hatte schliesslich eine Mission, und so liess ich mich nun einfach mal treiben, in der Überzeugung, den besagten Highlights von Schlieren Downtown früher oder später automatisch zu begegnen, so gross konnte dieses – ääh … hmm … Städtchen? Ja, Städtchen passt! – also: so gross konnte dieses Städtchen ja nicht sein. Eine Stunde später war mir klar: Ich hatte mich gleich doppelt getäuscht. Dieses Städtchen ist grösser und weitläufiger, als man auf Anhieb meinen würde. Und vor allem: Seine Sehenswürdigkeiten liegen nicht einfach so am Wegesrand, die muss man schon entdecken. Ich möchte mich auf zwei «Hotspots» beschränken, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die OaseDie Oase heisst offiziell natürlich nicht so, das ist meine persönliche Bezeichnung für jene malerische Zone mit Wiesen, einem Weiher, alten Riegelhäusern, etlichen Brunnen und einer kleinen Parkanlage (inklusive elegantem Kunstobjekt, das an eine abstrahierte Schlange erinnert … jedenfalls bei beinahe 40 Grad Celsius tut es das), die sich rund um die reformierte Kirche zwischen Brunn- und Kirchgasse und Freiestrasse ausbreitet. Zu erreichen ist dieser friedliche Ort der Ruhe und Stille per fünfminütigem Spaziergang von der Tram- und Busstation «Zentrum/Bahnhof». Und wenn man dann da ist, muss man unbedingt im «Stürmereihuus» einkehren. Ganz entgegen dem Namen ist auch das eine kontemplativ-meditative Innehaltestelle in Form einer formidablen Gastwirtschaft – die erst noch einen sozialen Hintergrund hat: Sie wird betrieben von der Stiftung Arbeitskette, zu der auch bekannte Zürcher Restaurants und Cafés wie der Limmathof, die Alpenrose oder das Schober gehören, und deren Ziel es ist, psychisch und/oder körperlich beeinträchtigte Jugendliche und Erwachsene in den ersten Arbeitsmarkt zu überführen.

Die Actionzone: Auch die Actionzone heisst nicht wirklich so, man kennt sie unter dem Namen «Wagi-Areal». Zu erreichen ist diese langgezogene Industriezone vom Zentrum aus in etwa sieben oder acht Minuten zu Fuss (bei meiner Visite im Juni jedenfalls war das noch so, ich spazierte da entlang von unfertigen Schienen, sah noch nicht in Betrieb genommene Tramhäuschen und Billett-Automaten, es war ein Blick in die Zukunft, die inzwischen zur fertig gebauten Gegenwart geworden ist), heute geht das bedeutend einfacher, nämlich per Limmattalbahn, es ist ein Stopp ab Zentrum, die Station heisst «Wagonsfabrik». All jene, die in die eindrückliche Geschichte des Areals eintauchen möchten, welche am 18. Mai 1985 mit dem Spatenstich der Luxuswagenfabrik Geissberger & Cie. begann, sollten zwingend dem Wagi-Museum einen Besuch abstatten. Alle anderen können auf unterschiedliche Art und Weise in – eben – «Äggschn» eintauchen.

Dies beginnt schon beim Eingang, wo tolle alte Schlitten stehen, die man in dieser Dichte sonst nur noch in alten Gangster-Filmen sieht. Filme, wie sie mitunter auch auf «Star TV» mitzuverfolgen sind, deren Firmensitz sich lustigerweise gleich bei den schönen Oldtimern ums Eck findet. Und was, wenn man lieber auf futuristische Unterhaltung steht? Auch dann ist man hier richtig – auf dem Wagi-Areal haben sich diverse Bio-Tech-Startup-Firmen zu einem richtigen Innovationscluster zusammengefunden, wer diesen Jungunternehmen Besuche abstattet (gegen Voranmeldung, versteht sich), hat danach in etwa eine Vorstellung davon, wie realistisch die Science-Fiction ist, die wir bisweilen im Home-Cinema vorgesetzt bekommen.

Wir bleiben selbstverständlich dran

Ich hatte dann darauf verzichtet, irgendwann war die Hitze derart unerträglich geworden, dass ich mir sagte: «Do the right Thing jetzt, Junge», den Kopf in einen Brunnen hielt, und mir danach auf einer schattigen Parkbank jenes Nickerchen gönnte, auf das ich der Bahnhofsunterführung eine Stunde davon noch verzichtet hatte.

Wär das alles? Das wärs. Für den Moment. Wir bleiben dran (wie der inzwischen ausrangierte Slogan einer Qualitätszeitung lautete), schliesslich wird die Limmattalbahn wie eingangs erwähnt ja noch weiter gebaut. Und wenn sie dereinst fertig ist und bis Killwangen verkehrt, werden wir von meiner erklärten Lieblingsagglo Schlieren aus weiter in den wilden Westen vordringen.

 

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